Agilität ist nur ein Anfang - keine tragfähige Zukunftsstrategie!
Grafik eines agilen Arbeitsumfeldes

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Agile Mind-sets, Methoden und Strukturen sind die eierlegende Wollmilchsau der Businesswelt, sie sollen das Gefühl von Hilflosigkeit im Chaoskampf reduzieren. Tatsächlich aber ist Agilität keine tragfähige Lösung für die Zukunft, sondern ein Festhalten an alten Denkmustern.

Kann Agilität Innovation hervorbringen?


Vergangene Woche wurde mir ein Job als Innovation Coach angeboten, den ich nach Lesen der Job Deskription ablehnte mit der Begründung, dass man mit Innovationsprojekten und agilen Methoden niemals zukunftsfähig werden könne. Dafür brauche es einen Paradigmenwechsel und eine völlig neue Denkkultur an der Spitze des Unternehmens. Der Headhunter gab so schnell nicht auf und so ist das Gespräch mit ihm exemplarisch für die Problematik, die derzeit herrscht.



Die größte Schwierigkeit im Umgang mit Komplexität ist die Tatsache, dass höhere, komplexere Lösungen von weniger komplexen Stufen nicht als überlegen erkannt werden können und stattdessen bekämpft werden.

Clare W. Graves




Was versteht ein Konzern mit über 20.000 Mitarbeitern unter Innovation? Neue Methoden, genaugenommen das übliche: Design-Thinking, Business Modell Innovation, Lean Startup, gähn. Mit Workshops und Projekten sollen innovationsfördernde Rahmenbedingung geschaffen werden und quasi nebenbei ein paar neue Geschäftsmodelle entstehen.

Das soll Innovation sein? Selbstverständlich braucht Innovation Agilität. Aber ein wenig Agilität erzeugt eben noch lange keine Innovation.

Nach meiner Absage zündete der Headhunter die zweite Stufe und insistierte, dass das Unternehmen ganz aktiv auf die Zukunft ausgerichtet sei. Es habe bereits erkannt, dass nicht nur agile Methoden, sondern auch agile Mind-sets vonnöten seien.

Agile Mind-sets sollen state of the art sein ?!? 

Offen gesagt kann ich kaum glauben, dass ein agiles Mind-set im Jahr 2019 als neu oder zukunftsweisend gehandelt wird. Wie konnte man den internationalen Wake-up Call am neunten September 2001 überhören? Spätestens seit diesem Tag ist doch klar, dass die Welt veränderlich, komplex und nicht planbar ist,  wenn wir damals das griffige Akronym VUCA auch noch nicht kannten. 

Agilität ist eine Haltung, mit der man schneller und flexibler auf die Veränderungen der VUCA-Welt reagieren kann. So weit, so gut. Schaut man aber genauer hin, dann wird die Sisyphushaftigkeit deutlich. In einer Welt der Unplanbarkeit wird die Planung beibehalten mit der Prämisse, sie schnell und oft über den Haufen zu werfen. Solle trial-and-error tatsächlich der Weisheit letzter Schluss sein?  Außerdem ist Agilität sicherlich ein Stress erhöhender Faktor. 


Das neue Denken ist längst da! 

Um den Veränderungen der  VUCA-Welt zu begegnen, brauchen wir viel mehr als ein agiles Mind-set. Wir brauchen ein wesentlich komplexeres Denken, das besagt schon Ashbysches Gesetz. Dieses zentrale Gesetz der Kybernetik formuliert, dass komplexe Systeme nur von noch komplexeren Steuerungen gelenkt werden können. 

In der vergangenen Woche veröffentliche Spiegel online den Artikel Zukunftsanalyse nach Jane Loevinger und richtete damit den ersten massenmedialen Scheinwerfer auf die Entwicklung von Menschen und Gesellschaften in hierarchischen Komplexitätsstufen. Neben Frau Loevinger gibt es eine Vielzahl von Wissenschaftlern, die unabhängig voneinander geforscht haben und zu ähnlichen Modellen gelangt sind, beispielsweise Spiral Dynamics.

Das neue Denken lässt sich mit der Integralen Theorie subsumieren, welches die Beschränkungen der Rationalität durchbricht und ein ganzheitliches Weltbild umfasst, in dem Geistes- und Naturwissenschaften zusammen gedacht werden.  Das integrale Denken überwindet den Fehler der Objektivität, das Subjekt aus dem Denkprozess auszuschließen, sondern berücksichtigt die jeweilige Perspektive des Betrachters. Daraus folgt, dass es nicht eine Wahrheit gibt, sondern jede Perspektive ihre Berechtigung hat. Der Schlüssel zu funktionalen Lösungen liegt darin, alle Perspektiven zu wertschätzen und zu integrieren, wobei komplexere Perspektiven bessere Resultate erzielen. Es haben also alle Recht, aber nicht gleich viel Recht.

Mein Headhunter meinte, ich solle doch einfach mal ein Gespräch führen, das können nicht schaden. Aus der Gewissheit heraus, dass komplexere Perspektiven bekämpft und nicht wertgeschätzt werden  habe ich ihn gebeten mir einen Gesprächspartner zu besorgen, der offen ist für eine Diskussion über die Strategie des Unternehmens. Dann war Ruhe. 

Es spielt überhaupt keine Rolle, auf welcher Ebene der Bewusstheit oder Komplexität ein Unternehmen ist. Zukunftsfähigkeit steht und fällt mit der Offenheit für Veränderung und Perspektivwechsel.


Umdenken ist noch lange nicht Umdenken


Es ist vermutlich das erste Mal in der Geschichte der Menschheit, dass die äußere Komplexität so viel höher ist, als die innere der Menschen. Das lässt sich mit dem Techniksprung der Digitalisierung erklären.

Stephan Grabmeier, Chief Innovation Officer bei Kienbaum kommentierte im Manager Magazin, dass der Hype der letzten zehn Jahre zum Thema New Work oftmals Augenwischerei sei, weil keine tief greifenden Systemveränderungen stattfinden. "Was wir wirklich brauchen, ist einen Hack des Systems Arbeit".

Dem stimme ich natürlich zu, aber das System Arbeit ist Produkt unserer Denkstruktur, die auf Ökonomie und Effizienz ausgerichtet ist.


Man kann das System Arbeit nicht verändern, ohne die Komplexität des Denkens zu erhöhen

Silke Nierfeld



Dem Kapitalismus kann weder eine Prise Ökologie, noch etwas Sinn hinzugefügt werden. Basis der kapitalistischen Denkstruktur ist die starke oder lineare Kausalität verknüpft mit zweiwertiger Logik. Es kann immer nur einen Sieger geben, entweder die Nachhaltigkeit, oder den größeren Gewinn. Beides gleichzeitig ist nicht möglich.

Wichtig ist zu verstehen, dass lineare Kausalität nur ein Konstrukt ist, ein Denkmodell und nicht die Wirklichkeit. Auf höheren Stufen der Komplexität löst sich die starke Kausalität in Akausalität auf, dem Verständnis von multifaktoriellen Wechselwirkugen.



Wir sehen nicht, dass wir nicht sehen.

Heinz von Foerster


Vor einer Strukturveränderung muss eine Veränderung der Denkstruktur stattfinden, das Bewusstsein muss komplexer werden. Bleibt dieses vertikale Wachstum aus, dann scheitern Change Prozesse.*

*Aufgrund dieser Erkenntnis habe ich mich darauf spezialisiert,  Entscheidern der Zukunft Sparringspartner zu sein bei ihren vertikalen Prozessen und fluiden Realisierung von Visionen. Kontakt 

Agilität soll einen hohen Grad von Selbstverantwortung erzeugen soll. Dafür müssen Führungskräfte und Mitarbeiter ihre Perspektiven verändern. Gerade dieser essentielle Schritt erfolgt in aller Regel nicht, weil kein Bewusstsein für die Notwendigkeit vorhanden ist. Es herrscht der Glaube, die Einführung von Methoden wäre ausreichend. Das ist so, als würde man Turnschuhe an die Belegschaft ausgeben und erwarten, dass alle plötzlich Rock´n Roll tanzen. 

Die Vermittlung von Wissen durch Workshops, etc. bringt laterales Wachstum, Breite. Der Entwicklungspsychologe Robert Kegan unterscheidet zwischen technischen (lateralen) und adaptiven (vertikalen) Veränderungen. Unternehmen benötigen dringend adaptive Veränderung. Der größte Teil der Veränderungsprozesse scheitert, weil die adaptiven Komponenten nicht gemeistert werden. Ausnahmen zeigen, wie es gelingen kann.


 
Die wenigen Erfolgsgeschichten wie Uptalsboom beruhen darauf, dass die Fokussierung des wirtschaftlichen Erfolgs aufgegeben wurde zugunsten anderer Werte wie Sinn und Menschlichkeit. Aus dem Loslassen entwickelt sich dann das Wu Wei, das mühelose Handeln im Einklang mit den Naturgesetzen, das zu  Win-Win-Win Situationen führt.

Vertikales, adaptives Wachstum ist ein Entwicklungsprozess, der einen Menschen mit seinen unbewussten Anteilen konfrontiert, den Schatten, blinden Flecken, Glaubenssätze, etc. Wenn diese Anteile integriert, werden,  entstehen größere Freiheiten in den Handlungsoptionen und es können neue Perspektiven eingenommen werden. Der Haken an der Sache ist, dass dieser Prozess mit schmerzlichen Einsichten verbunden ist, weil neben den Haltungen auch Gefühle transzendiert werden. Mit dem Konzept Tiefenschärfe begleite ich adaptive Veränderungsprozesse von Unternehmen. Mehr dazu im nächsten Beitrag, abonnieren Sie doch einfach meinen Newsletter.


Fazit:
Agilität ist eine Voraussetzung für unser aktuelles (oranges) Wirtschaftssystem. Aber es ist keine wirksame Strategie, um zukunftsfähig zu werden, denn Agilität stagniert im kausalen Denken.  

Wer in der Zukunft erfolgreich sein möchte, muss Visionen mit größerem Fokus entwickeln, die den Wertewandel in der Gesellschaft aufgreifen und dem Gemeinwohl dienen.

Übrigens, auf dem PM Camp Zürich am 24.05.2019 referiere ich darüber, was nach der Agilität kommt.

 

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