Der Komplexität mit neuem Bewusstsein begegnen

neues bewusstsein

Komplexität ist das herausragende Thema unserer Zeit. Es ist ein globales, alles umfassendes Phänomen, welches sämtliche Lebensbereiche betrifft. Methoden und Strategien zum Umgang mit Komplexität gibt es zuhauf. Doch was es eigentlich braucht, ist ein neues, ganzheitliches Bewusstsein, das noch weit über das agile Mindset hinausgeht. Wie Sie dieses erlangen können, erfahren Sie im Beitrag.



Dieser Artikel wurde zuerst im Projektmagazin 17/2019 veröffentlicht. 
 https://www.projektmagazin.de/artikel/umgang_komplexität_vuca

Inhaltsangabe: Der Komplexität mit neuem Bewusstsein begegnen

 1. Die VUCA-Welt ist mehr als nur komplex
 2. Wie wir bisher mit Komplexität umgehen
 3. Die Rahmenbedingungen machen es nicht einfacher
 4. Unser bisheriger Umgang mit Problemen
 5. Agilität scheint als des Rätsels Lösung
 6. Oder doch nicht?
 7. Wir brauchen einen Entwicklungssprung…
 8. …und Erkenntnis statt bloßem Wissen
 9. Achtet auf den Verstand als Gegner des neuen Denkens!
10. Dann folgt die meta-lineare Denklogik
11. Holistisches Bewusstsein als Ziel der langen Reise
12. Vom Paradoxon der Komplexität
13. Fazit

Die Komplexität von Menschen – ihre Bewusstseinsstruktur – hat sich in der Evolution in Wechselwirkung mit der Komplexität der Welt entwickelt. Dieser dynamische Prozess ist durch Digitalisierung und Globalisierung in Schieflage geraten, weil die Komplexität der Welt exponentiell gestiegen ist.

Nicht nur die Anzahl der Akteure hat sich vermehrt, sondern vor allem die Anzahl der Interaktionen ist sprunghaft gestiegen. Märkte, die ursprünglich weit voneinander entfernt waren, stehen plötzlich miteinander in Konkurrenz und das bei sehr unterschiedlichen Produktionsbedingungen. Die Anzahl der Wettbewerber sowie der Innovationsdruck erhöhen sich stetig und die Wechselwirkungen der Phänomene sind schon lange nicht mehr überschaubar.

Den eigenen Komplexitätslevel steigern und neues Bewusstsein erlangen

„Jedes komplexe Problem löst sich auf einer komplexeren Ebene“, so lässt sich Ashby´s Gesetz, eine der wesentlichen Erkenntnisse der Kybernetik vereinfachen. Lösungen für einen souveränen Umgang mit den veränderten Umständen müssen also in einer komplexeren Betrachtungsweise der Dinge liegen, in einer anderen Bewusstseinsstruktur. Hier sind wir bereits am Kernpunkt des Problems: Komplexität kann immer nur auf der eigenen oder einer weniger komplexen Stufe verstanden werden. Alles was über dem eigenen Komplexitätslevel liegt, kann nicht in seiner vollen Komplexität und Funktionalität erkannt werden und wird deshalb abgewertet.

Dieser Artikel wird Sie fordern, sich auf ein neues Weltbild einzulassen. Das geschieht nicht aus Provokation oder Marketinggründen. Es ist notwendig, um Komplexität als Chance zur individuellen und gesellschaftlichen Reife zu begreifen und die Einfachheit auf der anderen Seite der Komplexität zu erreichen.

Komplexität muss zunächst in ihrer Multidimensionalität verstanden werden. Wenn sich die eigene Komplexität – das Bewusstsein – weiterentwickelt, dann verbinden sich Effizienz und Leichtigkeit zu einer neuen Qualität, zu einer größeren Tiefe von Leben. Der deutsch-schweizerische Philosoph, Bewusstseinsforscher und Kulturanthropologe Jean Gebser nennt es "das spielende Gelingen".



Die VUCA-Welt ist mehr als nur komplex

„VUCA“ ist ein Akronym, ein Kunstwort, welches vom amerikanischen Militär geschaffen wurde, um die gestiegene Komplexität bei der Definition von Zielen zu beschreiben. Weil „VUCA-Welt“ eine umfängliche Beschreibung der komplexen Welt und ihrer Auswirkungen ist, hat sich der Begriff im Unternehmensbereich etabliert und sollte nicht als temporäres Buzzword verkannt werden.

Volatilität
Volatilität – heißt Unbeständigkeit. Aus der Perspektive der Betriebswirtschaftslehre ist das negativ, weil der wichtigste Aspekt bisheriger Strategien, die Planbarkeit, entfällt. Aus einer anderen Perspektive jedoch bedeutet Unbeständigkeit mehr Chancen für mehr Menschen. Wenn sich die Dinge immer wieder ändern; neue Berufe, Branchen, Moden und Wertesysteme entstehen, sind viel mehr Optionen vorhanden, mit denen sich der Einzelne identifizieren kann. Die Unbeständigkeit bringt immer wieder neue Nischen mit sich. Dadurch wir die Welt diverser, lebendiger und dynamischer.

Uncertainty
Uncertainty – Unbestimmtheit erfordert eine neue Kompetenz, nämlich die Fähigkeit, Unsicherheit zu ertragen. Unbestimmtheit bedeutet aber nicht nur Unsicherheit, sondern auch Freiheit und Raum, das eigene Selbst zu erforschen und innerlich zu wachsen. Individuation nennt C. G. Jung diesen Prozess der Ganzwerdung (lateinisch individuare, „unteilbar / untrennbar machen“), der ein Leben lang andauert. Wer frei ist von der Bestimmtheit Rollen ausfüllen zu müssen, die andere für ihn definieren, der kann Talent, Sinn und Freude in den Fokus rücken.

Complexity
Complexity – Komplexität bedeutet, dass die Dinge dynamisch sind, viele Facetten haben und immer weitere Eigenschaften emergieren. Komplexe Systeme lassen sich nicht in Einzelteile zerlegen, sondern nur in ihrer Ganzheit beobachten und handhaben. Ashby´s Gesetz besagt im Original, dass die Varietät des Steuerungssystems mindestens ebenso groß sein muss, wie die Varietät der auftretenden Störungen, damit es die Steuerung ausführen kann. Das bedeutet, dass Menschen eine höhere Varietät an Handlungsmöglichkeiten entwickeln müssen, um in der VUCA-Welt klarzukommen.

Ambiguity
Unklarheit oder Mehrdeutigkeit ist eine Zustandsbeschreibung, die den stillen Vorwurf erhebt, es müsse so etwas wie Eindeutigkeit geben. Der Anspruch auf Eindeutigkeit wiederum leitet sich aus der Vorstellung von Objektivität ab. Objektivität basiert aber auf einem systemischen Fehler unserer Denklogik. Indem Subjekt und Objekt getrennt werden, präziser gesagt, das Subjekt aus der Betrachtung der Welt entfernt wird, glaubt man, Objektivität erzielen zu können.

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