Komplexität verstehen - brand eins tut es nicht

komplexitaet verstehen brand eins tut es nicht

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Das Juli Heft von brand eins hat den Schwerpunkt Komplexität. Ich finde in diesem Heft keinen Ansatz, der ein Verständnis für das Wesen der Komplexität zeigt. Unstrittig ist, dass die Welt immer komplexer wird. Deshalb sollten wir deutlich mehr Anstrengung unternehmen, um zu verstehen, was Komplexität überhaupt ist.

Komplexität verstehen - Zusammenhänge erkennen

Das erste Zitat, das mir beim Durchblättern des Heftes ins Auge sprang, lautet "Wir fangen jetzt erst an, Netzwerke zu verstehen. Und damit zu begreifen, wie man mit Komplexität umgehen soll."

Ich bin schockiert. Wie ist das gemeint, jetzt anzufangen zu verstehen? Dann finde ich den Gedanken, der zu der Aussage führte: "Soziale Systeme bauen darauf, dass Menschen Entscheidungen treffen und Zusammenhänge herstellen. Das ist es, was man unter Vernetzung versteht. Das Netzwerk ist nicht Facebook, das Netzwerk sind wir selbst."

Aha, das ist eine neue Perspektive, ich bin beruhigt, auch wenn ich hier noch wesentliche Aspekte vermisse, doch dazu später mehr. Dieser Text von Wolf Lotter, aus dem der Ausschnitt stammt, trägt den Titel Der Durchblick und nutzt ein Zitat des Management Denkers und Beraters Peter Drucker von 1993 als Grundlage:



Um Wissen produktiv zu machen, müssen wir lernen, sowohl den Wald, als auch den einzelnen Baum zu sehen. Wir müssen lernen, Zusammenhänge herzustellen.

Peter Drucker



Zweifelsfrei müssen wir lernen, Zusammenhänge zu verstehen. Aber ist es nicht gerade das Wesen der Komplexität, dass die Dinge auf sehr vielen Ebenen miteinander verbunden sind, wir aber nur einen schwindend geringen Teil von ihnen erkennen oder verstehen können? 

Im weiteren Verlauf des Artikels lese ich von altem und neuen Denken, wobei mit neu gemeint ist, dass man nicht mehr versucht, Komplexität zu reduzieren. Ich lese von Unbestimmtheit und neuen Organisationsformen und bekomme Verstand und nachhaltiges Denken für den Durchblick  serviert. Im Westen nicht Neues, würde ich sagen.

Der weitere Artikel bezieht sich nicht mehr auf brand eins.


Wenn Wissen genügen würde..

Wir leben in einer Wissensgesellschaft, deshalb kann es nicht überraschen, dass man dem Wissen so viel Bedeutung zumisst. Aber bedeutet Wissen nicht vor allem, dass man weiß, wie wenig man eigentlich weiß?
Würde Wissen tatsächlich ausreichen, um mit Komplexität souverän umzugehen, dann wären die Ansätze doch nicht so unsagbar hilflos, wie sie tatsächlich daher kommen.

Letztendlich reden wir über Trial and Error (Cynefin Modell), Agilität als eierlegende Wollmilchsau, warum das nicht funktioniert, habe ich in diesem Artikel beschrieben. Und schräge Kombinationen wie Ambidextrie, chaordische Organisation, etc.. Das Buzzwordlexikon ist prall gefüllt, wenn es darum geht, Paradoxien und Gegensätze aufzuzeigen, die nun plötzlich miteinander verbunden werden sollen.

Gegensätze und Paradoxien transzendieren aber auf einer höheren Stufe. Wer diese Stufe nicht erklimmt, bleibt im Hickhack der Gegensätze verstrickt. Man sieht, Philosophie ist gar nicht so übel, wenn man Komplexität verstehen will.




Würde Wissen aus­reichen, um Gegen­sätze mit­ein­an­der ver­bin­den zu können, dann hätten wir in der Welt keine Aus­beu­tung von Ressourcen, weil Öko­nomie und Öko­logie gleich­wer­tige Ziele wären.

Silke Nierfeld


 


Das Narrativ, wir könnten mit unserem Verstand und Willen jedes gewünschte Ziel erreichen scheint unkaputtbarer als Panzerglas. Wer lässt sich da schon von Fakten irritieren, die weltweit Gegenteiliges aufzeigen?

 

Die Stufe über dem Wissen heißt Erkenntnis

Der Hirnforscher Gerald Hüther nennt das Ursache-Wirkungs-Denken die erste Stufe auf der Erkenntnisleiter menschlicher Gehirnentwicklung, auf der zweiten folgt das Erkennen von Zusammenhängen vermeintlich einfacher Verkettung, die systemische Sicht. Hier stehen wir also, wenn wir feststellen, dass viele Bäume ein System ergeben, einen Wald.



Die sys­te­mische Be­trach­tung der Dinge  ent­spricht un­se­rem mecha­nis­tischen, wissen­schaft­lichen Welt­bild, der men­talen Be­wusst­seins­struktur.



Aber was ist mit all dem Raum zwischen den Bäumen? Gehört der auch zum System, ist der leer, voller Geist oder etwas anderem? Wie wechselwirken Klima, Flora, Fauna und der Mensch?
Erst wenn wir diese Fragen auch stellen, fangen wir an zu begreifen, was ein lebendiges System ist, denn Komplexität bedeutet Dynamik und Lebendigkeit.  

Erste Schritte in diese Richtung können wir in dem neuen Trend Waldbaden erkennen. Aus Japan stammt die Erkenntnis, dass Waldbaden eine gesundheitsförderliche Wirkung hat, die bei der Reduktion von Stress dienlich ist. 

An gesundheitsförderlichen Methoden lässt sich das Dilemma, vor dem wir stehen sehr gut aufzeigen. Es gibt unzählige Methoden der Gesundheitsvorsorge, deren Anwendung  seit Jahrtausenden heilende Wirkung zeigt.  Ob Aryuveda, Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) oder Homöopathie.

Aber, wann immer das klassische Ursache-Wirkungs-Denken transzendiert wurde, kommt unser Wissenschaftsverständnis nicht mit. Es beharrt auf Doppel-Blind-Versuchen, kann Wirkung nur in linearen Kausalketten verstehen und findet maximal einen Placebo Effekt, wenn es komplexere Wirksysteme nicht versteht.



Komplexität muss erkannt werden

Hier sind wir am Kern des Problems angelangt. Das Bewusstsein von Menschen entspricht ihrem Komplexitätslevel. Deshalb sehen manche Menschen in einer Situation etwas Kompliziertes, das nur vereinfacht werden muss und andere erkennen Komplexität, die einen völlig anderen Ansatz benötigt. Komplexität kann nur auf der eigenen oder einer niedrigeren Stufe erkannt werden. Komplexere Kontexte werden nicht gesehen und komplexere und damit funktionalere Lösungen werden nicht verstanden, sondern abgewertet.





Indem wir also den dualistischen Verstand zur höchsten Maxime erklären, trennen wir uns von der Lebendigkeit ab, weil diese komplexer ist, als das lineare Ursache-Wirkungs-Prinzip.
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Die Intention der Aufklärung, durch rationales Denken alle Strukturen zu verändern, die der Entwicklung im Wege stehen, ist zum eigenen Fallstrick geworden. Das mentale Bewusst­sein ist def­izient, es kann die Le­ben­dig­keit der Kom­plexi­tät nicht erfassen.

Um zu dieser Erkenntnis gelangen zu können, bedarf es der dritten Stufe der Erkenntnisleiter von Herrn Hüther, dort ist das Erkennen unserer persönlichen Muster verortet, die Selbsterkenntnis. 

 

Wie gelangt man zu einer höheren Erkenntnisstufe?

Wir Menschen haben die Fähigkeit, uns beim Denken zu beobachten, das ist Bewusstsein und zugleich Kybernetik dritter Ordnung. Die Kybernetik erster Ordnung beschäftigt sich mit beobachtbaren Systemen, die Kybernetik zweiter Ordnung mit beobachtenden Systemen. Das Beobachten beobachtender Systeme, sodass Wirklichkeit entsteht, ist die dritte Ordnung. (Heinz von Foerster).

Indem wir also unser Denken beobachten, können wir feststellen, wie es funktioniert. Hier habe ich das schon einmal ausgeführt.

Die Erweiterung unserer Denklogik, das Hineinwachsen in ein integrales Bewusstsein ist der Schlüssel zum souveränen Umgang mit Komplexität. Wie bei jeder Entwicklung gilt, man schmeißt das bisherige Wissen nicht weg, sondern bewahrt es und gewinnt neue Perspektiven und Handlungsvarietäten hinzu. Mehr dazu im nächsten Beitrag, abonnieren Sie gern unseren Newsletter.

Man stelle sich einmal vor, die Rationalisten könnten in Betracht ziehen, dass es etwas geben könnte, dass sie (noch) nicht verstehen. Dann würde sich eine Tür öffnen...


 

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