Discernment: Mehr als die Kunst zu unterscheiden

Unter Discernment – Urteilsvermögen, Scharfsinn, Wahrnehmung – wird meist die Fähigkeit verstanden, bessere Urteile zu treffen, subtilere Unterschiede wahrzunehmen oder verborgene Zusammenhänge zu erkennen. Diese Auffassung setzt jedoch voraus, dass Denken in der Lage ist, seine eigenen Grenzen zu erkennen.
Dieser Beitrag führt aus, dass Discernment nicht die Verfeinerung des Denkens ist, sondern die Fähigkeit, Denken von Wirklichkeit zu unterscheiden. Solange Wirklichkeit nicht erkannt wird, bleibt Denken in einem geschlossenen Bezugssystem gefangen. Es vergleicht Gedanken mit Gedanken, Interpretationen mit Interpretationen und Modelle mit Modellen. Erst die unmittelbare Erkenntnis von Wirklichkeit eröffnet die Möglichkeit, die Struktur des Denkens und ihre verzerrende Wirkung zu durchschauen.

Was ist Discernment wirklich?

Die üblichen Bedeutungen von Discernment

Das Wort Discernment wird in unterschiedlichen Zusammenhängen verwendet: In spirituellen Traditionen bezeichnet es die Fähigkeit, innere Regungen voneinander zu unterscheiden. In der Psychologie steht es für die Fähigkeit, Motive, Muster oder kognitive Verzerrungen zu erkennen. Im Alltag verbindet man damit gutes Urteilsvermögen sowie Menschenkenntnis

Trotz ihrer Unterschiede beruhen diese Verwendungen auf derselben Grundannahme: Discernment ist eine Leistung des Denkens Das Denken soll genauer beobachten, sorgfältiger analysieren und bessere Schlussfolgerungen ziehen. Wer dies besonders gut kann, verfügt über Discernment.

Diese Vorstellung wirkt selbstverständlich. Sie wird selten hinterfragt. Doch genau hier beginnt das Problem.

Bei genauerer Betrachtung wird offensichtlich, dass die Behauptung, das Wesentliche vom Unwesentlichen und Wahrheit von Täuschung unterscheiden zu können, keine mentale Tätigkeit sein kann. Alles, was das begriffliche Denken hervorbringt, ist konstruiert. Das Wesentliche lässt sich prinzipiell nicht mit Perspektiven erfassen; es ist das mehr als jede Summe von Einzelteilen. Es ist das unsichtbare Prinzip, dass Dinge in ihrer spezifischen Form erscheinen lässt.  

Die verborgene Voraussetzung

Jede Form von Analyse, Bewertung und Reflexion ist selbst eine Aktivität des Denkens. Wenn Denken einen Gedanken untersucht, geschieht dies durch weitere Gedanken. Wenn Denken eine Überzeugung überprüft, geschieht dies durch weitere Überzeugungen. Wenn Denken einen Fehler korrigiert, geschieht dies durch neue gedankliche Konstruktionen.

Das bedeutet nicht, dass Denken wertlos wäre. Wissenschaft, Technik, Sprache und Organisation wären ohne diese Fähigkeit unmöglich. Die Frage lautet jedoch nicht, ob Denken nützlich ist.

Die Frage lautet: Woran erkennt Denken, dass seine eigenen Inhalte Wirklichkeit entsprechen? Diese Frage wird häufig übersehen. Stattdessen wird vorausgesetzt, dass ausreichend differenziertes Denken seine eigenen Irrtümer erkennen kann. Doch woran sollte es sie erkennen?

Das geschlossene System des Denkens

Denken operiert mit Repräsentationen. Es arbeitet mit Begriffen, Bildern, Erinnerungen, Erwartungen, Theorien und Interpretationen. Dabei entsteht eine eigentümliche Schwierigkeit.

Das Denken präsentiert seine Inhalte nicht als Gedanken. Es präsentiert sie als Wirklichkeit. Eine Interpretation erscheint als Tatsache. Eine Erinnerung erscheint als das Ereignis selbst. Eine Vorstellung erscheint als das, worauf sie sich bezieht.

Denken ist nicht problematisch, weil es Fehler macht. Denken ist problematisch, weil es seine eigenen Produkte fortlaufend mit Wirklichkeit verwechselt . Es vedichtet seinen Überzeugungen zu einem geschlossenen System – dem Mindset – das über ein hochfunktionales Abwehrsystem verfügt, durch die Kopplung mit Gefühlen und Identifikationen.

Diese Verwechslung bleibt unsichtbar, solange Denken ausschließlich auf sich selbst bezogen bleibt. Innerhalb eines solchen Systems kann ein Gedanke nur mit einem anderen Gedanken verglichen werden. Eine Interpretation nur mit einer anderen Interpretation. Ein Modell nur mit einem anderen Modell. Die Struktur des Denkens selbst bleibt dabei unangetastet.

Warum Gedankenbeobachtung nicht ausreicht

Viele moderne Ansätze empfehlen, Gedanken zu beobachten. Man soll erkennen, welche Gedanken auftreten, welche Muster sich wiederholen und welche Überzeugungen das eigene Verhalten prägen. Dies kann hilfreich sein, um Gedanken ihre Macht zu entziehen.

Es ist jedoch noch kein Discernment. Denn die Beobachtung von Gedanken bedeutet nicht zwangsläufig, dass die Identifikation mit dem Denken aufgehoben wurde. Das Denken kann sich selbst beobachten. Es kann Theorien über sich entwickeln. Es kann sogar die Vorstellung erzeugen, sich selbst durchschaut zu haben.

All dies kann stattfinden, ohne dass die grundlegende Verwechslung berührt wird. Die bloße Tatsache, dass ein Gedanke als Gedanke benannt wird, sagt noch nichts darüber aus, wodurch er erkannt wird.