Von Silke Nierfeld | 13.04.2024 | Lesezeit ca. 9 Minuten

Kritik der Entwicklungstheorie Spiral Dynamics

Spiral Dynamics ist eine Entwicklungstheorie des Menschen mit aufschlussreichen Erkenntnissen über Denkstrukturen und Veränderungsprozesse. Dieser Beitrag beleuchtet allgemeine Kritikpunkte und analysiert die Schwächen des Modells in Bezug auf das Second-Tier-Bewusstsein.

Ein Denker, der sich selbst reflektiert

Info:

Dies ist der letzte Artikel einer fünfteiligen Serie über Spiral Dynamics. Es wird empfohlen, die Beiträge in chronologischer Reihenfolge zu lesen.

Teil 1 Was sind WMeme nach Graves

Teil 2 Spiral Dynamics – Kurze Einführung

Teil 3 Integrales Denken – Was bedeutet das

Teil 4 Second-Tier Thinker – Was ist das

Allgemeine Kritik an Spiral Dynamics

#1 Abgehobenheit

Die häufigste Kritik an Spiral Dynamics ist der Vorwurf der Abgehobenheit. Was ist damit gemeint? Laut Duden bedeutet Abgehobenheit: ohne Bewusstsein für die Belange der Mehrheit, realitätsfremd.

Spiral Dynamics betrachtet auf einer Metaebene, wie Menschen mit den Herausforderungen des Lebens umgehen. Die Theorie findet die eigentlichen Wurzeln von Problemen in den Denkstrukturen der Menschen.

Aus wissenschaftlicher Sicht ist es unbestritten, dass es keine objektive Realität gibt, die unabhängig vom Beobachter existiert. Die Denkweise bestimmt die Realität der Menschen, und die Untersuchung der Denkweisen ist der Gegenstand von Spiral Dynamics. Einer Theorie vorzuwerfen, dass sie versucht ein Problem zu lösen, ist bemerkenswert verquer.

#2 Aussagekraft der Ergebnisse

Spiral Dynamics analysiert die Wertesysteme, die Denkstrukturen zugrunde liegen. Kritisiert wird die gegenwärtige Praxis, das Wertesystem aus Befragungen abzuleiten, und die Ergebnisse einer Messung gleichzusetzen. Die Forschungsarbeit wurde etwas anders durchgeführt als die heutige Anwendung.

Tests fragen nach dem Selbstbild einer Person. Dabei handelt es sich um ein Narrativ, eine Erzählung, die sich ständig verändert (auch das ist eine wissenschaftliche Erkenntnis). Neben der unwillkürlichen Schönfärberei, die Menschen bei Befragungen an den Tag legen, ist es auch möglich, das präsentierte Selbstbild gezielt zu manipulieren.

Intelligente Menschen, die vorwiegend blau-orange Strukturen aufweisen, können sich auf der wesentlich komplexeren gelben (integralen) Stufe testen lassen, wenn sie das Modell hinreichend kennen.

Weniger als 10 % aller Verhaltensweisen sind rational gesteuert. Die Diskrepanz zwischen Selbstbild und tatsächlichem Verhalten ist – insbesondere in Stresssituationen – enorm. Um zu verlässlichen Einschätzungen zu kommen, müsste man vom Verhalten – und nicht vom Selbstbild – auf die Werte schließen.

#3 Die Zeitfenster der WMeme

Spiral Dynamics gibt Zeiträume an, in denen jedes WMeme entstanden sein soll. Zum Beispiel soll das rote WMeme 10.000 Jahre alt sein. Warum, wieso und weshalb wird jedoch nicht erklärt.

Es wird auch behauptet, dass das türkise, holistische WMeme noch nicht wirksam ist, dass es sich noch entwickeln muss. Diese Behauptung wirft viele Fragen auf. Offensichtlich gibt es einen Unterschied zwischen den von Spiral Dynamics beschriebenen Seinsebenen (Second-Tier Denken) und den Weisheitslehren fast aller Kulturen.

Die Transformation von einem menschlichen zu einem geistigen Wesen, die Sein bedeutet, wird seit Jahrtausenden gelehrt. Jeder geistig verwirklichte Mensch denkt holistisch, weil er die Welt als untrennbares Ganzes erkennt. Unsere Darstellung des holistischen Denkens ist unabhängig von Spiral Dynamics.

#4 Wissenschaftlichkeit der Theorie

Diese Kritik wirft der Theorie mangelnde Wissenschaftlichkeit vor. Wir können die Stichhaltigkeit dieses Vorwurfs nicht beurteilen.

Der Autor Patrick Vermeren findet die Behauptung von Spiral Dynamics, dass wir die erste Spezies sein werden, die ihre konkurrierende Natur ablegt, ebenso unbegründet wie lächerlich.
Zu allen Zeiten hat es Menschen gegeben, die sich mit ihrer geistigenkonkurrenzlosenNatur identifiziert haben: Schamanen, Priester, Wahrheitssucher.

Das Konkurrenzdenken des Menschen beruht auf der Überzeugung, ein getrenntes Ich, ein Einzelwesen zu sein. Es ist Folge davon, sich mit seinen Gedanken und seiner Psyche zu identifizieren, ohne das untrennbare Bewusstsein dahinter zu erkennen. Da immer mehr Menschen diese kollektive Illusion durchschauen, die letzlich zur Zerstörung der Lebensgrundlagen geführt hat, könnte ein Bewusstseinswandel beschleunigt werden.

Wahrheit kann niemals aus der mentalen Auffassung der Dinge bestehen

Arthur Schopenhauer

Schwächen des Modells in Bezug auf Second-Tier

Der Forschungsrahmen von Spiral Dynamics

Nach Graves eigener Aussage war es sein Ziel, einen Rahmen zu entwickeln, in dem die Probleme der Menschen effektiver angegangen werden können. Er wollte einen Weg finden, Konflikte und Widersprüche zu ergründen. Sein Theorie nannte er das emergente zyklische Doppelhelixmodell der Entwicklung bio-psycho-sozialer Systeme im Erwachsenenalter. Für ihn war Spiritualität eine Linie, die in der Gesamtentwicklung enthalten ist.

Graves war der Ansicht, dass die Notwendigkeit, eine höhere Macht zu benennen oder ein richtungsweisendes Design zu finden, verblassen würde, wenn Mitgefühl und das Verständnis des gesamten lebenden Systems als interaktives Geist-Gehirn-Feld entstehen würden.

Wenn wir Spiritualität als das Göttliche verstehen, dann ist sie natürlich in allem enthalten. Der springende Punkt ist, dass ihre Funktionsweise nicht verstanden werden kann, solange das Denken mental ist. Das Geistige ist absolut, es lässt sich mit dem relativierenden, objektivierenden und unterscheidendem Denken des Intellekts nicht erfassen.

Indem der Intellekt Werte relativ interpretiert, dienen sie der Rechtfertigung von Abwertung und Ausgrenzung. Second-Tier bedeutet die Transformation in ein geistiges Wesen, wodurch das Denken in die Seele verlagert wird. Nur so kann die Absolutheit von Werten verstanden und verwirklicht werden: Man muss das Wahre, Gute, Schöne sein; es zu denken oder zu wollen, genügt nicht.

Da Graves keine eigene Transformationserfahrung hatte, hat er nicht verstanden, dass die Dualität des mentalen Denkens das Problem ist und nicht die Werte. Das Denken erzeugt den Konflikt zwischen dem, was ist, und dem, was sein soll, Die Lösung liegt in der Aufgabe der Rationalisierung.

Denker des ersten Ranges können den zweiten Rang nicht selbst erkennen und reagieren negativ, wenn sie herausgefordert werden.

Clare W. Graves

Die eingeschränkten Parameter

Spiral Dynamics nennt sieben Prinzipien, welche die lebendige Intelligenz der WMemes beschreiben. Das zweite Prinzip lautet, dass die Lebensbedingungen die WMeme erwecken und diese Bedingungen durch vier wichtige Aspekte bestimmt werden: Zeit, Ort, Probleme, Umstände.

Die Entwicklungsforschung auf die Auseinandersetzung mit den Umständen zu begrenzen, belegt, dass Graves keine Einsicht in die inneren Prozesse von Transformation hat. Die Seele ist das Entwicklungsprinzip des Menschen. Sie macht sich durch Unzufriedenheit bemerkbar, wenn keine Entwicklung stattfindet, weil darin die Lebensaufgabe besteht. Als Komponist und Dirigent des Lebens nimmt sie – für den First-Tier Denker unbewusst – Einfluss auf die Lebensumstände. Second-Tier Denken bedeutet, sich der Seele bewusst zu sein und ihrer Führung folgen.

Das größte Missverständnis

Spiral Dynamics beschreibt eine stufenweise Erweiterung der Denkstrukturen. Diese Darstellung als Erweiterung der kognitiven Fähigkeiten, als intellektuelle Entwicklung zu etikettieren, hätte keinen Konflikt ausgelöst. Aber Graves spricht vom dem Homo Lucens, dem erleuchteten Menschen, der sein Selbst verwirklicht hat. Folgende Zitate belegen, wie falsch Graves damit liegt:

AufzählungszeichenZitat #1 Spiral Dynamics: „Der integrale, gelbe Denker verfügt über ein hohes Selbstwertgefühl, das sich auf Informationen und auf Gefühlen gründet.“

Gefühle sind relativ und konditioniert, ihnen Bedeutung beizumessen ist Ausdruck des First-Tier-Bewusstseins. Dasselbe gilt für ein hohes Selbstwertgefühl. Second-Tier Bewusstsein ist die Einsicht in die Gleichwertigkeit aller Phänomene, das bedeutet auch, das mentale Verständnis von Werten als Illusion zu durchschauen.

AufzählungszeichenZitat #2 Spiral Dynamics: „Second-Tier ist eine Verfeinerung des First-Tier Denkens und unterliegt einer Chronologie, in der kein WMeme übersprungen werden kann. Es ist die zweite Stufe der menschlichen Rakete, die von der ersten profitiert und der Flugbahn Feinabstimmung und höhere Präzision hinzufügt.“

Second-Tier Denken ist die Erkenntnis, dass alles, was man im First-Tier gedacht hat, falsch ist. (Graves selbst hat diese Aussage getroffen). Es ist die Freiheit von Konditionierungen und Trennungen; der Beobachter und das Beobachtete sind eins. Das ist keine Feinabstimmung von First-Tier-Denken, sondern eine Umkehr.

AufzählungszeichenZitat #3 Spiral Dynamics: „Konflikte zwischen Großgruppen können katastrophale Folgen haben. Sie sind bereits heute durch die Verwendung oranger Technologien ernst genug, wie viel mehr noch würden sie es mit gelben oder türkisen gegenseitigen Verbindungen sein. Tatsächlich besteht die Möglichkeit, dass das Pendel zu einem noch komplexeren Ich-System auf der neunten Ebene Koralle schwingt.“

Holistische Systeme, die nicht auf gedanklichen Konstruktionen (WMeme) sondern auf wirklichem, geistigen Bewusstsein beruhen, sind konfliktfrei. Dieses Bewusstsein setzt die Transzendenz des Persönlichen voraus, und diese ist irreversibel. Auf der neunten Stufe kann kein komplexeres Ich-System existieren.

Alle drei Zitate zeigen die Unkenntnis der geistigen Funktionsweise und des tatsächlichen Transformationsprozesses. Spiral Dynamics schildert die Selbstverwirklichung auf der Persönlichkeitsebene. Das Ich wird aufrechterhalten, das Denken findet noch immer im Intellekt – und nicht der Seele statt.

Was Graves mit Second-Tier Denken verwechselt, ist das Bestrebtsein zu transformieren, das Stadium des Aspiranten. Das Streben ist aber der Knackpunkt, denn wo Eigenwille ist, kann Transzendenz nicht stattfinden. Keinen Willen haben zu wollen, funktioniert auch nicht. Wirkliche Transformation zum geistigen Bewusstsein ist nicht weniger als die Quadratur des Kreises. Ein höherer Rang von WMemen ist nicht einmal ein Abglanz davon.

Was wir beobachten, ist nicht die Natur selbst, sondern unsere Methode der Befragung.

Werner Heisenberg

Konsequenzen des falschen Second-Tier Verständnisses

Landkarten von Werten und Bewusstseinsentwicklung sind auf den ersten Blick verführerisch; sie versprechen Orientierung und erstrebenswerte Ziele. Auf den zweiten Blick muss man sich eingestehen, dass es sich um Ideologien handelt und jede Ideologie zu Ausgrenzung und Konflikten führt – ungeachtet der Intention.

Die Lebenspläne der Seelen sind so individuell wie Menschen selbst. Mit den Modellen hat sich die Palette der Prüf- und Messinstrumente für Menschen erheblich erweitert, wodurch die Diskrepanz zwischen subjektiver Wirklichkeit und objektivierendem Denken noch größer wird.

Es hat sich weltweit eine Szene von integral informierten Menschen gebildet, die mit integralen Strategien die Menschheit retten wollen. Das ist Paradoxie mit Salto. Zu wissen, wie die Dinge sind oder sein sollten, das Leben steuern und kontrollieren zu wollen, ist lupenreines First-Tier-Denken.

Die vermeintliche Legitimation durch höhere Wertesysteme nährt das Grundübel unserer Zeit – die Verwechselung von Wirklichkeit und Verstandeslogik. Die implizite, sinnhafte Ordnung der Natur wird nicht einmal ansatzweise berücksichtigt. Es fehlt auch das Bewusstsein für die eigene Position als Zutat im Schöpfungsprozess; Anmaßung ist die Grundlage für den Zustand unseres Planeten.

Das konflikthafte, dualistische Bewusstsein ist Resultat der Identifikation mit dem mentalen Denken. Die prozesshafte, untrennbare Wirklichkeit, die immer die äußere Umwelt und den Beobachter einschließt, kann erst verstanden werden, wenn die Identifikation als Einzelwesen aufhört und das Denken in der Seele stattfindet. Mit holistischem Denken gibt es eine Brücke zum Second-Tier Denken, das die Äquivalenz von Energie und Bewusstsein nutzt.

Fazit Kritik an Spiral Dynamics

Spiral Dynamics ist die Untersuchung intersubjektiver Denkstrukturen und deren Wechselwirkung mit der Umwelt. Das Modell bietet konstruktive Ansätze für den Umgang mit unterschiedlichen Weltbildern. Es hat keinen Einblick in die lebendigen Prozesse innerhalb der Formwelt, die das Wesentliche sind und die individuelle Lebensqualität bestimmen.

Dass die gelben und türkisfarbenen Denkstrukturen, die Spiral Dynamics beschreibt, als erleuchtet missverstanden werden, ist ausgesprochen problematisch. Es handelt sich um intellektuelle Entwicklungen, die das Grundproblem – das fehlende Verständnis für das Primat und die Funktionsweise des Geistigen – noch nicht überwunden haben.

Angesichts der Multidimensionalität und Vielgestaltigkeit der seelischen Entwicklung, ist die Vorstellung von chronologisch-hierarchischen Wertesystemen ausgesprochen schlicht. Jeder Mensch sollte sich selbst auf die Suche nach der Wahrheit begeben, denn diese muss selbstreferenziell sein. Selbsterkenntnis und die Befreiung von Denkstrukturen führen zu dem tieferen Bewusstsein der Verbundenheit, in dem die Glückseligkeit liegt.