Der Individuationsprozess nach Carl Gustav Jung

Sprechblasen die "Ich bin" in vielen Sprachen sagen

Der In­di­vi­du­ations­pro­zess von la­tei­nisch indi­vi­du­are sich un­teil­bar / un­trenn­bar machen, ist die Ent­wick­lung des Men­schen zu dem einzigartigen Indi­vi­duum, wel­ches er wirklich ist. Es ist die Transformation von der begrenzten Persönlichkeit zum wahren Selbst (Seele), das sein Potenzial entfaltet.

Was ist Individuation?

Dieser Beitrag erläutert, was Individuation ist, worin die größten Schwierigkeiten liegen, und welche Bedeutung der Prozess für die persönliche Entwicklung hat.

Der Individuationsprozess ist die Auseinandersetzung zwischen dem bewussten, konkreten Ich und dem unbegrenzten Selbst. Weil die Grenzen des Bewusstseins niemals wirklich klar sind, kann auch niemand genau sagen, was das Selbst ist. Das Selbst ist das Sein, ein Oszillieren zwischen dem Bewusstem und Unbewusstem.

Über die Auseinandersetzung mit sich und seinen unbewussten Anteilen kann der Mensch innerlich wachsen und sich vervollkommnen. Das bewusste Ich besteht aus Teilpersönlichkeiten, die sich ihrer Widersprüchlichkeit nicht bewusst sind. Tritt diese zutage, greift ein kaskadierendes Abwehrsystem ein, um das System unverändert zu lassen. Obendrein sind Instinkte, Emotionen und Mental keine Teamplayer, sondern Egoisten mit eigener Agenda.

Alles Bewusste war einmal unbewusst. Folglich ist das Unbewusste die Schatztruhe des Menschen und sein Weg zum Seelenfrieden. Jede Perspektive, die durch Integration des Gegenpols transzendiert wird, bringt den Menschen näher zur Leichtigkeit des Seins.  

Die Bedeutung des Individuationsprozesses

Obwohl Individuation das Wesentliche des menschlichen Daseins ist, wird dem Prozess in unserer Gesellschaft wenig Bedeutung zugemessen. Mitbürger, die kollektiven Strukturen und Werten folgen, sind auch deutlich leichter zu lenken als autarke.

Die Vorstellung, dass äußere Errungenschaften wie Geld, Karriere, Status dem Leben einen Sinn verleihen würden, versagt spätestens in der Lebensmitte. Bis dahin haben die psychischen Konflikte, die durch ausbleibende Individuation entstehen, schon viel Lebensenergie verbrannt.


Einzig das Finden der eigenen inneren Wirklichkeit macht den Menschen unabhängig von der äußeren.

David Kiser




Charakteristika des Individuationsprozesses nach C. G. Jung

  • Die Entwicklung des wahren Selbst ist ein lebenslanger Differenzierungsprozess. Es bedeutet, Fragmentierung zu überwinden und Gegensätze zu vereinbaren. Dabei ist jeder Wandel auf Korrigierbarkeit angelegt, er ist vorläufig.

     

  • Die Einzigartigkeit eines Menschen wird insbesondere durch seine Schwierigkeiten ausgedrückt. Deshalb ist das Annehmen von sich selbst – samt den Möglichkeiten und Schwierigkeiten – eine Grundtugend, die im Individuationsprozess verwirklicht werden soll.

     

  • Ein Inhalt kann nur integriert werden, wenn er nicht nur intellektuell erfasst, sondern auch in seinem Gefühlswert transformiert wurde.

     

  • Der Individuationsprozess gibt Antwort auf die Frage, wer bin ich außer dem, was ich ohnehin von mir selber weiß. Individuation ist eine Notwendigkeit für das Gelingen der individuellen Lebensaufgabe.

     

  • Die Individuation zielt auf das Erreichen von mehr Autonomie. Es geht nicht nur darum, sich vom Verhaftetsein an kollektive Werte, Normen und Rollenerwartungen zu lösen. Es geht auch darum, sich vom Verhaftetsein ans Unbewusste zu lösen und mit ihm in Dialog zu treten.

     

  • Der Individuationsprozess ist einerseits ein interner, subjektiver Integrationsvorgang, bei dem der Mensch mehr Seiten von sich selbst kennenlernt. Andererseits ist er ein interpersoneller, intersubjektiver Beziehungsvorgang, denn die Beziehung zum Selbst ist zugleich die Beziehung zum Mitmenschen.  

     

  • Unterbleibt die Individuation und wird das Leben stattdessen an kollektiven Maßstäben ausgerichtet, so erzeugt das wahre Selbst  (die Seele) Symptome (Krankheiten, Krisen), mit der Zielsetzung, eine Veränderung der Lebensumstände zu verursachen, damit die Lebensaufgabe doch noch erreicht werden kann.

     

  • Individuation sollte nicht mit Individualismus verwechselt werden, denn Individualismus ist das absichtliche Hervorheben und Betonen vermeintlicher Eigenarten. Individuation hingegen ist die Herausbildung der Einzigartigkeit, die a priori angelegt ist.

     

  • Ein individuierter, ganz gewordener Mensch stellt seine Fähigkeiten in den Dienst der Allgemeinheit und dient dem Wohle aller in wesentlich höherem Maße, als es ohne die Herausbildung der Eigenarten je möglich gewesen wäre.




Der Zeitgeist der Individualisierung

Individuation im Sinne Carl Gustav Jungs bedeutet das Streben nach den tieferen Wahrheiten des Selbst. Die Aufmerksamkeit wendet sich nach innen und das Leben wird aus den eigenen Wertmaßstäben heraus gestaltet, unabhängig von äußeren Meinungen. Der individuierte Mensch ist einzigartig und nichts Besonderes, es ist eine Befreiung vom Egoismus.

Der Zeitgeist befördert das Gegenteil. Soziale Medien dienen der Zurschaustellung der eigenen Person und des Lifestyles.  Mit dem Wunsch, etwas Besonderes zu sein, und sich von der Masse abzuheben, begibt man sich in die Abhängigkeit von den Meinungen anderer – und entfremdet sich vom eigenen Lebenssinn.




Ganzwerdung ist Heilung

Individuation ist der Prozess, durch den das Bewusste und das Unbewusste in einem Individuum lernen, einander zu kennen, zu respektieren und zu akzeptieren. Der bewusste Verstand ist der Überzeugung, bestimmte Inhalte, Eigenschaften, Handlungen, vor der Welt verbergen zu müssen.

Tatsächlich ist das Verbergen das wahre Übel. Es kostet Lebensenergie, erzeugt Spaltung und verzerrt die Wahrnehmung der Wirklichkeit. Weil die Inhalte im Verborgenen gehalten werden, sind sie so machtvoll. Sobald sie ans Tageslicht geholt werden, verlieren sie ihren Schrecken.

Ein Mensch, der sich seiner Spaltung nicht bewusst ist, projiziert auf seine Umgebung, was er in sich selbst nicht erkennen oder zulassen kann. Das ist die Wurzel fast aller Konflikte.

Es geht darum, Abstand zu den eigenen Gedanken und Gefühlen zu bekommen, und sie als das zu sehen, was sie sind: temporäre Erscheinungen.  Die eigenen Denkmuster zu durchdringen, schenkt einem Menschen die Freiheit und das Glück des Selbst-Seins.   

 

Du selbst zu sein in einer Welt, die dich ständig anders haben will, ist die größte Errungenschaft. 

Ralph Waldo Emerson



Schwierigkeiten der Individuation

Ein hohes Selbstwertgefühl ist der größte Gegner von Selbstverwirklichung, stellte Abraham Maslow fest. Da unsere Gesellschaft Motivation belohnt, die dem Übertreffen anderer dient, wird Individuation gesellschaftlich ausgehebelt. Sich ihrer Ansprüche zu erwehren, und sein wahres Selbst zu verwirklichen, braucht Mut und Rückgrat. 

Selbstwerdung bedeutet nicht, dass man sich finden kann; schließlich ist man kein verlegtes Buch. Das Thema lautet auch nicht Selbstoptimierung.  Es geht um den Unterschied zwischen Gedankenwelt und Wirklichkeit. Solange Menschen mit ihrem Denken identifiziert sind, halten sie irrtümerlicherweise die Inhalte ihres Denkes für die Realität.

Die Methode der Selbsterkenntnis heißt Neti Neti (nicht dies, nicht das). Indem man die unechten, relativen oder begrenzten Aspekte des Selbst aussortiert, bleibt das wahre Wesen übrig. Wir sind nicht unsere Körper, Gefühle oder Gedanken, wir sind das unbegrenzte Bewusstsein dahinter.

Befreit von allen falschen Überzeugungen, wer man zu sein hat oder nicht sein darf, können sich die Potenziale des wahren Selbst entfalten. Viele von ihnen sind krasse Widersprüche zur alten Persönlichkeit. In unseren Schatten stecken die größten Potenziale. 

Bei allen Herausforderungen, den der Prozess bedeutet, sei darauf verwiesen, dass die Unterlassung der Individuation keine Alternative ist. Sich den kollektiven Maßstäben anzupassen, die Modelle wie Spiral Dynamics beschrieben haben, bedeutet sein wahres Selbst nicht zu verwirklichen.

Wer unter seinen Möglichkeiten bleibt, oder sich anpasst, statt aufzubegehren, wenn sein Inneres missachtet wird, der wird zutiefst unglücklich sein. Nichtgelebtes Leben und die unbeantwortete Frage nach dem Lebenssinn erzeugen körperliche und psychische Krankheiten.

 

 

Wenn Individuation das ist, was man auf der Erde erreichen soll, dann ist das Finden der eigenen Berufung das einzige Kriterium für Erfolg auf der Erde.

Carl Gustav Jung


 

Folgen der Individuation

Der individuierte Mensch hört niemals auf, nach der Wahrheit zu suchen. Sein Reifungsprozess ist im wichtiger als Geld oder Macht. Individuation entwickelt eine geheimnisvolle Kraft, ein tiefes Vertrauen in den inneren Kompass, dem man bedingungslos folgt.

Das Verhalten des individuierten Menschen ist situationselastisch, seine Ethik nicht. Seine Beständigkeit liegt in der Loyalität zu seiner inneren Führung. Nach außen ein konsistentes Bild abzugeben, interessiert ihn nicht. Der Individuierte ist nicht korrumpierbar, er lässt sich vor keinen Karren spannen.

Individuierte Mitarbeiter sind Innovationsbeschleuniger

Menschen, die der Entwicklung ihres Potenzials viel Aufmerksamkeit schenken, sind eine Bereicherung für jedes Unternehmen. Sie schauen über den Tellerrand, entfalten interdisziplinäres Können und finden Lösungen außerhalb eingetretener Pfade. Während normale Menschen das Bewährte erhalten möchten, sind die Individuierten jederzeit bereit, das Erreichte loszulassen, um Weiteres anzustreben. 


Fazit Individuation nach Carl Gustav Jung

Individuation ist ein notwendiger Prozess der Selbstwerdung. Er verlagert die Konflikte von außen nach innen, wo sie nachhaltig gelöst werden. Daraus resultieren eine tiefe Verbundenheit mit dem Leben und die Leichtigkeit des Seins.

In unseren Transformation Coachings unterstützen wir Menschen auf ihrem Individuationsweg. Mit holistischem Denken steht eine Logik zur Verfügung, die ganzheitliche und harmonische Lösungen für jede Entwicklungsebene ermöglicht. Sie bewirkt Wandel, ohne zu kämpfen und ist ein echter Game-Changer.


 

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Silke Nierfeld
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Quellen: CG Jung-Stuttgart, Dr. Wischermann, C.G. Jung Die Beziehungen zwischen dem Selbst und dem Unbewussten

 

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