Integrales Denken — Was bedeutet das?

integrales denken

Ganzheitlich ist ein Begriff, der uns neuerdings an jeder Ecke begegnet. Was bedeutet ganzheitlich und sind holistisch und integral seine Synonyme? Dass integrales Denken weit mehr umfasst als Ganzheitlichkeit,  lesen Sie in diesem Beitrag.

Inhaltsübersicht




Die Definition von Ganzheitlichkeit

Ganzheitlich bedeutet die Betrachtung einer Sache in der systemischen Vollständigkeit aller Teile sowie in der Gesamtheit  ihrer  Eigenschaften  und  Beziehungen untereinander (Quelle Wikipedia). 
Wenn Ganzheitlichkeit vollständig sein will, dann kann es nicht nur um die explizit-bewussten Dinge gehen, dann müssen auch die implizit-unbewussten Dimensionen einbezogen werden. Ein materialistisch-mechanisches Weltbild ist sich der Existenz von Geist und Energie als Dimensionen aber nicht bewusst, deshalb wird es diese niemals erfassen.

Das Verständnis von Ganzheitlichkeit ist abhängig von der Komplexität des Weltbildes.



Holismus ist die Lehre vom Ganzen

Die Frage danach was das Ganze ist, führt zum Begriff des Holismus. Holismus von holos, griechisch ganz ist eine Lehre, die analog zur Definition von Ganzheitlichkeit besagt, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Einzelteile. Eine feinstoffliche Kraft wird zunächst nicht unterstellt, sondern Ganzheit als notwendige Eigenschaft natürlicher Systeme angenommen. So ist jedes Organ ein Holon, ein ganzes System und gleichzeitig Teil eines größeren Systems.

Einer der wichtigsten Repräsentanten des Holismus, der Philosoph Adolf Meyer-Abich integrierte ontologische (Wissenschaft des Seienden) und epistemologische (Voraussetzungen für Erkenntnis) Fragen in sein Holismuskonzept. Durch diesen Schritt wird das erkennende  Subjekt  Teil  des  Ganzen. Diese Vorgehensweise ist jedoch nicht repräsentativ für die verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen, die sich mit holistischen Fragestellungen befassen. 

Weil holistic die englische Übersetzung von ganzheitlich ist, werden die Begriffe häufig synonym verwendet. Die besondere Bedeutung von holistisch oder holonisch im Sinn der Integralen Theorie erläutern wir später. 


Integrale Theorie

Wer den Begriff integral googelt, der stößt zuerst auf mathematische Erklärungen der Differential- und Integralrechnung. Unter dem Stichwort Integrale Theorie notiert Wikipedia:Die integrale Theorie ist ein systematisches Modell für eine holistische, kosmisch-evolutionäre Welterklärung ohne materialistische Reduktion, sondern unter Einbeziehung der Eigenart und Wirksamkeit des Geistigen im Kosmos.

Diese Definition geht über den Begriff der Ganzheitlichkeit hinaus, denn sie fordert nicht nur die Vollständigkeit im Sinne des Dualismus, also Geist und Materie, sondern setzt den Bezug zu etwas Höherem, Spirituellem.

Weil Geist keine einheitliche Definition hat, verwendet man in der integralen Theorie verschiedene Schreibweisen für die beiden Hauptbedeutungen. Mit GEIST als Synonym für Spirit wird die feinstoffliche, spirituelle Bedeutung verknüpft, mit Geist als Synonym für Mind die kognitiven Fähigkeiten des Menschen, das Mental. 

Zwischenfazit: Die Begriffe Ganzheitlichkeit und Holismus beschreiben die Vollständigkeit von Systemen als Summe aller Teile, ihrer Eigenschaften und Wechselwirkungen. Integrales Denken hat dieselbe Grundlage und setzt außerdem einen expliziten Bezug zur Spiritualität.

Die klassische Logik ignoriert das Subjekt 

Denken in der zweiwertigen, aristotelischen Logik betrachtet die Dinge als Objekt, ohne den Betrachter in die Bewertung einzubeziehen. Dabei ist es gar nicht vorstellbar, dass die Erkenntnisfähigkeit und Perspektive des Betrachters  keinen Einfluss auf das Ergebnis haben. Dennoch ist diese Vorgehensweise Standard der Wissenschaft.

 

Beobachter und Beobachtetes sind vielmehr miteinander verschmelzende und sich gegenseitig durchdringende Aspekte einer einzigen ganzen Realität, die unteilbar und unzerlegbar ist.

David Bohm, 1917 - 1992, Quantenphysiker und Philosoph

  

Denken unter Einbezug des Subjekts

Der amerikanische Psychologieprofessor weltsichten nach gravesDr. Clare W. Graves erforschte die Entwicklung von Bewusstsein und Weltsicht beim Menschen und entwickelte ein neun stufiges Modell, welches unter dem Namen Spiral Dynamics bekannt wurde (der Name des Modells stammt von seinen Schülern Cowan und Beck).

Das Konzept, welches Grundlage der integralen Theorie ist veranschaulicht,  warum Menschen so unterschiedlich auf gleiche Phänomene reagieren. Integrales Denken bezieht das Subjekt und seine individuelle Perspektive in das Ganze ein und geht damit einen entscheidenden Schritt weiter, als Ganzheitlichkeit. 

Unterschiedliche Perspektiven verbinden

Das Mo­dquadranten ell der Qua­dran­ten, das ebenfalls essentiell ist für die integrale Theorie,  weist uns da­rauf hin, dass wir uns selbst und die Welt durch Per­spek­ti­ven wahr­neh­men. Al­les kann aus zwei grund­le­gen­den Un­ter­schei­dun­gen be­trach­tet wer­den: 1. ei­ner in­ne­ren/ sub­jek­ti­ven oder äu­ße­ren/ob­jek­ti­ven so­wie 2. ei­ner Sin­gu­lar- und Plu­ral­pers­pek­t­ive.


In Wirk­lich­keit sind die vier Qua­dran­ten wechsel­wir­ken­de An­tei­le ei­nes un­trenn­ba­ren Gan­zen, die sich nicht iso­liert ver­än­dern las­sen.

Integrale Entwicklung

Entwicklung geschieht durch Differenzierung und Integration. Jede Entwicklungsstufe integriert die vorigen, weniger komplexen Stufen, sodass die Anzahl der möglichen Perspektiven und Entscheidungsmöglichkeiten immer größer wird. Handlungsvarietät ist die Grundvoraussetzung für souveränen Umgang mit Komplexität. Wesentlich ist es zu verstehen, dass die sechs Stufen der ersten Ordnung Komplexität nur auf ihrem eigenen, oder einem niedrigeren Komplexitätslevels erkennen können! Komplexere und damit wirksamere Lösungen werden nicht verstanden und deshalb abgewertet. Das ist das größte Dilemma in der Entwicklung von Bewusstsein. 

Ein kardinaler Fehler im Umgang mit der Spirale besteht darin, höhere Stufen als qualitativ besser zu betrachten. Der wesentliche Punkt ist die Angemessenheit des Verhaltens in dem entsprechenden Kontext. Beispielsweise sind grüne Verhaltensweisen in einem roten Kontext  dysfunktional. Außerdem kann jede Stufe in einer gesunden oder einer ungesunden Ausprägung existieren. Bewusstseinsstufen sind Ausdruck davon, wie Menschen denken, nicht was. Jede Stufe hat ihre Berechtigung und ist wertvoller Teil des Ganzen.

Die Fähigkeit, sein Verhalten der jeweiligen Entwicklungsstufe der  Umgebung anzupassen entsteht erst mit der integralen siebten Stufe, weil diese Stufe die Konstruktionen der anderen Entwicklungsstufen erkennen kann.

 

 

Komplexität kann nur auf der Ebene der eigenen oder einer weniger komplexen Bewusstseinsstufe erkannt werden.  

Clare W. Graves




Bewusstsein in der integralen Theorie

Bewusstsein als Ebene oder Denkstruktur wird erlangt durch Reifungsprozesse. Laut Theorie kann vertikales Wachstum dann entstehen, wenn ein Individuum auf komplexere Umstände trifft, als es mit seinem Denken zu bewältigen vermag. Durch Differenzierung und anschließende Integration kann eine höhere, komplexere Perspektive eingenommen werden. Der Abstieg auf der Spirale auf eine tiefere Stufe ist aber auch möglich. 

Tatsächlich ist das Denken in Wechselwirkungen Ausdruck des First-Tier Denkens, welches im zweiten Rang transzendiert wird, wenn die Welt nicht mehr als Ansammlung von Einzelelementen betrachtet wird, die miteinander wechselwirken.

Es gibt also weitere Entwicklungsimpulse, über die noch keine wissenschaftliche Erkenntnis vorliegt.

Bewusstsein hat noch eine zweite, grundlegende Bedeutung. Auch die flüchtigen Zustände auf der Skala zwischen schlafen, träumen und wachen werden Bewusstsein genannt. Durch Meditation oder Drogen können weitere Zustände des Wachens erlangt werden. Laut integraler Theorie (und vieler spiritueller Lehren) können im Zustand höheren Bewusstseins im Sinne höherer Wachheit Erkenntnisse schneller erlangt werden. (Auch diese Überzeugung teilen wir nicht).

Second Tier - Holistisches Denken

Man fasst die ersten sechs Bewusstseinsstufen des Modells Spiral Dynamics zum ersten Rang (First-Tier) zusammen. Die siebte, integrale Stufe soll den Beginn des zweiten Ranges darstellen. Wir sind der Auffassung, dass integrales Denken eine Übergangsstufe zwischen erster und zweiter Ordnung ist. Ausführlich haben wir das in dem Beitrag Second-Tier Denken ausgeführt.

Holistisches Denken ist die Stufe türkis im Modell Spiral Dynamics. Der Unterschied zwischen integralem und holistischen Denken ist ein gewaltiger, weil Second-Tier die Ordnung der Selbsttranszendenz ist, in der die holistische Ordnung des Universums als die primäre erkannt wird und Konzepte von Materie, Kausalität und Wechselwirkungen als vorübergehende Manifestationen der primären Ordnung verstanden werden.  

Fazit

Integrales Denken bedeutet, die unterschiedlichen Konstruktionen von Weltbildern erkennen und wertschätzen zu können. Die integrale Stufe ist die erste, die Komplexität zu nutzen versteht und friedliche Lösungen durch die Verbindung unterschiedlicher Perspektiven anstrebt. Integrales Denken ist sehr wertebewusst, es möchte keine Erfolge auf Kosten von anderen.

Trotz dieser ausgezeichneten Eigenschaften kann integrales Denken die Potenziale des Lebens nicht voll ausschöpfen oder das Selbst verwirklichen. Es ist eine kognitive Stufe, die beginnt, den meta-physischen Raum zu erkunden, die aber den Verschluss des Verstandes, die Linearitätsschwelle noch nicht geknackt hat.
  

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