Integrales Denken — Was bedeutet das?

integrales denken

Ganzheitlich ist ein Begriff, der uns neuerdings an jeder Ecke begegnet. Was bedeutet ganzheitlich und sind holistisch und integral seine Synonyme? Dass integrales Denken weit mehr umfasst als Ganzheitlichkeit,  lesen Sie in diesem Beitrag.

Beispiele für die Verwendung von ganzheitlich

Eine Kosmetikerin mit ganzheitlichem Institut verwendet diesen Begriff, weil sie Kundinnen von Kopf bis Fuß behandelt. Der ganzheitliche Orthopäde verweist auf sein Akupunktur Zertifikat, während er die Stoßwellentherapie durchführt. Eine Unternehmensberatung bezeichnet ihren Ansatz als ganzheitlich, weil sie ihre Kunden von der Analyse bis zur Umsetzung betreut.  
Während die Kosmetikerin Ganzheitlichkeit ausschließlich auf der körperlichen Ebene versteht, hat der Orthopäde ein Verständnis von komplementärer Medizin. Die Beratungsfirma betrachtet verschiedene Phasen eines Prozesses, aber dennoch nur die Ebene von Zahlen, Daten, und Fakten. Tatsächlich ist keines dieser Beispiele ein ganzheitlicher Ansatz.

Die Definition von Ganzheitlichkeit

Ganzheitlich bedeutet die Betrachtung einer Sache in der systemischen Vollständigkeit aller Teile sowie in der Gesamtheit  ihrer  Eigenschaften  und  Beziehungen untereinander (Quelle Wikipedia). 
Wenn Ganzheitlichkeit die Wechselbeziehungen der Dinge einbezieht, dann kann es nicht nur um die sichtbare, äußere Ebene gehen, dann müssen auch die unsichtbaren, inneren Kräfte einbezogen werden. An dieser Stelle versagt das kausale, materialistische Weltbild, denn es schließt Wechselwirkungen, Widersprüche und nicht messbare Phänomen aus.

Integrales Denken

Wer den Begriff integral googelt, der stößt zuerst auf mathematische Erklärungen der Differential- und Integralrechnung. Unter dem Stichwort Integrale Theorie notiert Wikipedia: "Die integrale Theorie ist ein systematisches Modell für eine holistische, kosmisch-evolutionäre Welterklärung ohne materialistische Reduktion, sondern unter Einbeziehung der Eigenart und Wirksamkeit des Geistigen im Kosmos."

Diese Definition geht über den Begriff der Ganzheitlichkeit hinaus, denn sie fordert nicht nur die Vollständigkeit im Sinne des Dualismus, also Geist und Materie, sondern setzt den Bezug zu etwas Höherem, Spirituellem. Weil Geist keine einheitliche Definition hat, verwendet man in der integralen Theorie verschiedene Schreibweisen für die beiden Hauptbedeutungen. Mit GEIST als Synonym für Spirit wird die religiöse, spirituelle Bedeutung verknüpft, mit Geist als Synonym für Mind die kognitiven Fähigkeiten des Menschen, das Mental. 

Was ist das Ganze?

Die Frage danach was das Ganze ist, führt zum Begriff des Holismus. Holismus von holos, griechisch "ganz" ist eine Lehre, die analog zur Definition von Ganzheitlichkeit besagt, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Einzelteile. Eine feinstoffliche Kraft wird zunächst nicht unterstellt, sondern Ganzheit als notwendige Eigenschaft natürlicher Systeme angenommen. So ist jedes Organ ein Holon, ein ganzes System und gleichzeitig Teil eines größeren Systems.

Einer der wichtigsten Repräsentanten des Holismus, der Philosoph Adolf Meyer-Abich integrierte ontologische (Wissenschaft des Seienden) und epistemologische (Voraussetzungen für Erkenntnis) Fragen in sein Holismuskonzept. Durch diesen Schritt wird das erkennende  Subjekt  Teil  des  Ganzen. Diese Vorgehensweise ist jedoch nicht repräsentativ für die verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen, die sich mit holistischen Fragestellungen befassen. 

Weil holistic die englische Übersetzung von ganzheitlich ist, werden die Begriffe häufig synonym verwendet. Die besondere Bedeutung von holistisch oder holonisch im Sinn der Integralen Theorie erläutern wir später. 

Zwischenfazit: Die Begriffe Ganzheitlichkeit und Holismus beschreiben die Vollständigkeit von Systemen als Summe aller Teile, ihrer Eigenschaften und Wechselwirkungen. Integrales Denken hat dieselbe Grundlage und setzt außerdem einen expliziten Bezug zur Spiritualität, welcher sowohl in der Ganzheitlichkeit, als auch im Holismus unklar bleibt.


Die klassische Logik ignoriert das Subjekt 

Denken in der zweiwertigen, aristotelischen Logik betrachtet die Dinge als Objekt, ohne den Betrachter in die Bewertung einzubeziehen. Dabei ist es gar nicht vorstellbar, dass die Erkenntnisfähigkeit und Perspektive des Betrachters  keinen Einfluss auf das Ergebnis haben. Dennoch ist diese Vorgehensweise Standard der Wissenschaft.

 

Beobachter und Beobachtetes sind vielmehr miteinander verschmelzende und sich gegenseitig durchdringende Aspekte einer einzigen ganzen Realität, die unteilbar und unzerlegbar ist.

David Bohm, 1917 - 1992, Quantenphysiker und Philosoph

  

Denken unter Einbezug des Subjekts

Der amerikanische Psychologieprofessor Dr. Clare W. Graves erforschte die Entwicklung von Bewusstsein und Weltsicht beim Menschen und entwickelte ein neun stufiges Modell, welches unter dem Namen Spiral Dynamics bekannt wurde (der Name des Modells stammt von seinen Schülern Cowan und Beck). Das Konzept, welches Grundlage der integralen Theorie ist veranschaulicht,  warum Menschen so unterschiedlich auf gleiche Phänomene reagieren. Integrales Denken bezieht das Subjekt und seine individuelle Perspektive in das Ganze ein und geht damit einen entscheidenden Schritt weiter, als Ganzheitlichkeit und Holismus.

Integrale Entwicklung

Jede Entwicklungsstufe integriert die vorigen, weniger komplexen Stufen, sodass die Anzahl der möglichen Perspektiven und Entscheidungsmöglichkeiten immer größer wird. Das ist die Grundvoraussetzung für souveränen Umgang mit Komplexität. Wesentlich ist es zu verstehen, dass nur Stufen desselben oder eines  niedrigeren Komplexitätslevels erkannt werden können! Komplexere und damit zielführende Lösungen werden nicht verstanden und deshalb abgewertet. Das ist das größte Dilemma im Umgang mit Komplexität.

 

Komplexität kann nur auf der Ebene der eigenen oder einer weniger komplexen Bewusstseinsstufe erkannt werden.  

Clare W. Graves

  

  

Das Prinzip Augenhöhe ist verpflichtend für integrale Denker. Kein Mensch ist besser oder schlechter, höher oder tiefer gestellt. Bewusstseinsebenen sind Ausdruck davon, wie Menschen denken, nicht was. Jede Stufe hat ihre Berechtigung und ist wertvoller Teil des Ganzen


Bewusstsein in der integralen Theorie

Bewusstsein als Ebene oder Struktur wird erlangt durch die Kombination von Wissen und Erkenntnis. Vertikales Wachstum (also eine höhere Bewusstseinsebene oder -struktur) kann dann entstehen, wenn ein Individuum auf komplexere Umstände trifft, als es mit seinem Denken zu bewältigen vermag. Durch Differenzierung und anschließende Integration kann eine höhere, komplexere Perspektive eingenommen werden.

Bewusstsein hat noch eine zweite, grundlegende Bedeutung. Auch die flüchtigen Zustände auf der Skala zwischen schlafen, träumen und wachen werden Bewusstsein genannt. Durch Meditation oder Drogen können weitere Zustände des Wachens erlangt werden. Laut integraler Theorie (und vieler spiritueller Lehren) können im Zustand höheren Bewusstseins im Sinne höherer Wachheit Erkenntnisse schneller erlangt werden. 

Second Tier - von der Logik zur Schaulogik

Man fasst die ersten sechs Bewusstseinsebenen des Modells Spiral Dynamics zu einer Stufe (First-Tier) zusammen. Der Sprung von der sechsten zur siebten Ebene ist ein gewaltiger, denn Second-Tier Denken bedeutet einen Paradigmenwechsel. Klassische Logik und Linearität werden zugunsten der Schaulogik auch Aperspektivität überwunden. Die zweite Ebene (türkis) des Second-Tier  wird auch als späte Schaulogik oder holistisch bezeichnet. Damit ist ein weit fortgeschrittenes Stadium von integralem Denken gemeint.

Fazit

Integrales Denken bedeutet, die Spaltungen von Geist und Materie, das kausale, materialistische Denken zu überwinden. Stattdessen wird ein sinn- und freudvolles Leben angestrebt, welches auf der Entfaltung der Individualität, des Respektierens unterschiedlicher Perspektiven und des wertebewussten Handelns basiert. Dazu zählen auch der ressourcenschonende Umgang mit der Natur,  die Verbindung von Ökonomie und Ökologie sowie gesellschaftliche und spirituelle Zugehörigkeit.

Der Vollständigkeit halber soll hier Ken Wilber als prominentester Vertreter der integralen Theorie nicht übergangen werden. Das Werk von Wilber besteht aus einer Metatheorie, die viele westliche und östliche Konzepte integriert. Man muss aber kein Befürworter seines AQUAL Modells sein, um integral zu denken.

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