Spiral Dynamics - Kurze Einführung

Grafische Darstellung der neun Entwicklungsstufen von Spiral Dynamics

Spiral Dynamics ist eine Ent­wick­lungs­theo­rie des Men­schen, wel­che von dem ame­rika­nischen Psy­cho­logen Dr. Clare W. Graves entwickelt wurde.  Es ist ein Mo­dell, das die bio­lo­gische - psy­cholo­gische - so­ziale und spiri­tuelle Ent­wick­lung des Men­schen in einer Spi­rale mit ver­schie­denen Weltsichten/Denkstrukturen  be­schreibt. 

Dies ist der zweite Teil einer vierteiligen Serie über Spiral Dynamics. Es empfiehlt sich, den ersten Teil Was sind WMeme nach Graves vorab zu lesen.

Inhaltsübersicht

Spiral Dynamics

Das Herzstück des Modells ist seine Beschreibung der Psychologie des reifen Menschen als ein sich entfaltender, emergenter, oszillierender, spiralförmiger Prozess, der durch die fortschreitende Unterordnung älterer Verhaltenssysteme niedrigerer Ordnung unter neuere Systeme höherer Ordnung gekennzeichnet ist, wenn sich die existentiellen Probleme des Menschen verändern.

Die Theorie befasst sich sowohl mit den Treibern von Dynamik, als auch mit der Beschreibung von chronologische Stadien von Entwicklung. Jedes Stadium wird von einer bestimmten Art und Weise geprägt, WIE Menschen die Welt sehen, welche Werte (WMme) zentral sind und wie sie sich organisieren. Wenn Sie mit dem Modell noch nicht vertraut sind, empfiehlt es sich den Beitrag Was sind WMme nach Graves vorab zu lesen. 

Die besondere Qualität von Spiral Dynamics

Graves bietet das sozio-psychologische Äquivalent der Darwinschen Anpassung an, die man als Auslöser des Äußeren bezeichnen könnte. Veränderungen in der Biologie der Spezies entstehen im Laufe der Zeit als Reaktion auf Verschiebungen in der Umwelt. Diese Veränderungen sind sowohl strukturell als auch verhaltensbezogen, so dass alle Merkmale der Veränderung miteinander verwoben sind; das Innere für den einen ist das Äußere für den anderen.

Die Theorie von Graves ist im Wesentlichen ähnlich, denn das Auftauchen von Stadien wird von Veränderungen im Gehirn begleitet. Die Anpassung ist nicht auf die innere Einstellung beschränkt, auch hormonelle und neurophysiologische Veränderungen treten auf und Gehirnwellen-Rhythmen verändern sich.

Das Innere und das Äußere stehen in einem adaptiven Verhältnis. Wir reagieren auf die äußeren Bedingungen und beeinflussen diese wiederum. Die Beziehung hat also eine Zirkularität, sie ist ein sich gegenseitiges Informieren.
  

Sechs Bedingungen für WMme Wandel

Folgende Bedingungen müssen erfüllt sein, damit WMeme Wandel stattfinden kann.

  • Potenzial für Veränderung: Ist es offen, blockiert oder geschlossen?

  • Die Vergangenheit und Gegenwart sind geklärt und überschüssige Energie für die Gestaltung der Zukunft ist vorhanden.

  • Es gibt genügend Dissonanz, um Veränderung zu wollen.

  • Hindernisse werden erkannt und beseitigt. Zunächst im Umfeld, dann in der eigenen Denkstruktur (beispielsweise das Establishment lässt mich nicht hochkommen).

  • Es gibt Einsichten in Alternativen und neue Lösungen durch neue Perspektiven auf das Problem.  

  • Konsolidierung durch Integration der zuvor differenzierten Aspekte. Unterstützung während der Transformationsphase.



Arten von Veränderung

Spiral Dynamics beschreibt sieben Arten von Veränderung, von der Feinabstimmung bis zum Quantensprung. Prinzipiell sind sowohl Aufwärts- als auch Abwärtsbewegungen möglich, die horizontal, diagonal oder vertikal verlaufen können.

Das Bestechende an dem Modell Spiral Dynamics ist die Tatsache, dass es innerhalb der unendlichen Vielfalt von Entwicklungsprozessen den roten Faden gefunden hat, die universelle Struktur, die für Individuen und Gesellschaften gleichermaßen gilt. Daraus ergibt sich eine Landkarte, die das jeweils nächste Stadium schon beschreibt, welches man selbst noch nicht erkennen oder sich erschließen kann.

Übersicht über die First-Tier Ebenen

  • Die erste Ebene (beige) ist rein instinktiv, es geht um das körperliche Überleben.

  • Die zweiten Ebene (purpur) ist animistisch. Menschen glauben an Geister und suchen Sicherheit durch Zugehörigkeit zu einem Stamm.

  • Die dritte Ebene (rot) ist egoistisch, es geht um Macht, Handeln und Ausbeutung.

  • Die vierte Ebene (blau) stellt dem Egoismus von rot eine absolutistische Ordnung entgegen. Jetzt geht es um Autorität, Wahrheit und Sinn. Blaue Strukturen sind typisch für religiöse Gemeinschaften und Staatsapparate wie Polizei oder Militär.

  • Mit der strategischen, fünften Ebene (orange) werden Autonomie, Erfolg, Materialismus und Wissenschaft die zentralen Themen. Jetzt blüht der Kapitalismus und Denken verfestigt sich im linear-kausalen Denken, wodurch technischer Fortschritt enorm befördert wird.

  • Die relativistische, sechste Stufe (grün) möchte die Schattenseiten von orange mit Gleichheit, Harmonie und Gemeinschaftsgefühl kompensieren. Man kann sich darüber streiten, ob grün tatsächlich eine komplexere Ebene ist als orange, oder nur der Gegenpol in dem Sinne, dass jetzt die Gruppe und nicht das Individuum an die erste Stelle gesetzt wird. Der Wechsel von individueller und kollektiver Ausrichtung der Ebenen ist Bestandteil des Modells.

  • Die siebte Ebene (gelb) hat keine eigene Struktur jedoch die Fähigkeit, die Konstruktionen jeder Ebene erkennen und wertschätzen zu können. Als Konstruktionen bezeichnet man die Annahmen, die Weltbildern unterliegen. Es sind Überzeugungen wie die Welt ist, die größtenteils unbewusst sind.  
    Gelb ist die erste Ebene, welche die eigene Weltsicht nicht mehr absolut setzt, sondern die Relativität aller Perspektiven erkennt. Deshalb kann die integrale Ebene gelb Komplexität wertschätzen und nutzten.

Im Modell wird die integrale, gelbe Ebene als die erste des zweiten Ranges bezeichnet. Wir betrachten sie als eine Übergangsform und begründen das im Verlauf des Beitrags. Über die integrale Ebene haben wir einen separaten Artikel geschrieben.

Umgang mit dem Modell Spiral Dynamics

Ein klassischer Fehler im Umgang mit Spiral Dynamics, besteht darin, komplexere Ebenen per se als besser zu betrachten. Handlungsvarietät, die mit zunehmender Komplexität erreicht wird, ist ein großer Vorteil. Vor allem aber geht es um Angemessenheit in der Interaktion mit der Umwelt. Grüne Strategien in einer roten Umgebung funktionieren absolut nicht.  Die Modifizierung von Lösungen für die entsprechende Ebene kann mit dem konstruktivistischen Weltbild (gelb) erstmals bewerkstelligt werden.

Mängel des Modells in Bezug auf Second-Tier

Bevor wir im übernächsten Abschnitt die Aussagen des Modells zum Second-Tier darlegen, weisen wir auf die konzeptionellen Mängel hin. Sie haben uns bewogen, den Beginn des zweiten Ranges von der integralen zur holistischen Ebene zu verlegen. Wir würden uns wünschen, dass neue Forschung diese konzeptionellen Mängel untersucht und beseitigt. 

Elementaristisches Denken 

Rationales Denken zeichnet sich dadurch aus, dass eine Trennung von Subjekt und Objekt vorgenommen wird und die kausale Verbindung zwischen den Elementen gesucht wird. Zugrunde liegt eine elementaristische Weltsicht von wechselwirkenden Einzelteilen oder Elementen.

Diese Denkstruktur wird auch auf der integralen, gelben Ebene noch nicht überschritten. Zwar strebt integrales Denken nach Integration aller Perspektiven, aber es übersieht dabei, dass sich wesentliche Teile der Wirklichkeit überhaupt nicht rational erfassen lassen, weil sie trans-rational sind.

Trans-Rationales erschließt sich durch den Geist, durch das Bewusstsein, welches sich ausdifferenziert und höhere Dimensionen der Wirklichkeit erfassen kann. Die geistige Schau, das nicht-fragmentierende Erkennen der Ganzheit ist die Qualität des Second-Tier Denkens.

Spiral Dynamics thematisiert das Überschreiten der rationalen Denkweise nicht, welches aber erforderlich ist, um die türkise, holistische Ebene einzunehmen. 

Notwendigkeit der Stufenabfolge

Spiral Dynamics geht davon aus, dass keine Ebene in dem Entwicklungsprozess übersprungen werden kann. Historische, erwachte Seelen wie Buddha, Jesus oder Krishna waren sicher keine integralen Denker, bevor sie die holistische (womöglich noch höhere ) Ebene erreicht haben. 

Die Folgerung liegt nahe, dass Spiral Dynamics die trans-rationale Qualität von Second-Tier nicht wirklich erfasst hat. Diese Annahme wird untermauert durch Diskussionen, die wir mit professionellen Lehrern von Spiral Dynamics geführt haben. Die meisten von Ihnen befinden sich auf der integralen Denkstufe. Sie sind überzeugt, dass Second-Tier eine Erweiterung des Perspektivdenkens ist, auch auf den Ebenen, die der integralen folgen. Das ist eine First-Tier Perspektive auf Second-Tier Denken. 
 

Second-Tier - Eine Weltsicht, welche die physikalische Realität überschreitet

Die holistische (türkise) Ebene hat Komplexität, Wahrhaftigkeit und Vereinigung  als zentrale Themen.  Es ist der Beginn eines neuen Ranges (Second-Tier) von Bewusstsein, der Meta-Physik und Physik, Innen und Außen vereinheitlicht. Die ausführliche Schilderung der Second-Tier Denkens finden Sie in unserem Beitrag Second-Tier Thinker - Was ist das? 

Die zweite Ordnung ist ein Paradigmenwechsel, dessen wesentliches Merkmal das Überschreiten der Linearitätsschwelle ist. Die Subsistenzebenen (Subsistenz ist ein philosophischer Ausdruck für das Prinzip der Selbsterhaltung) des ersten Ranges haben zunächst ein prä-rationales Weltbild, aus dem sich ein rationales entwickelt, dessen wesentliches Merkmal elementaristisches Denken in Ursache-Wirkung Strukturen ist. Diese Denkstruktur setzt die Existenz von Einzelelementen voraus, deren Ordnungsprinzip Raum und Zeit sind. 

Die Denkstruktur des Second-Tier geht von der Allverbundheit und Unteilbarkeit der geistigen Wirklichkeit aus, dessen Wirkprinzip Synchronizität (das Resonanzgesetz) und nicht Kausalität ist. Im zweiten Rang des Bewusstseins wird eine höhere, holistische Ordnung erkannt, in der alle Phänomene Ein- und Ausstülpungen einer fließenden, ungebrochenen Ganzheit sind. Geist, und nicht Materie, ist der Urstoff allen Seins. Diese Weltsicht wurde durch die Quantenphysik wissenschaftlich bestätigt. 

Über die neunte Ebene (Koralle) gibt es noch keine gesicherten Erkenntnisse, nur Spekulationen. 


Die Theorie von Spiral Dynamics besagt:

      • dass sich Be­wusst­sein in Ebenen ent­wickelt, die je­weils durch ein ei­genes Werte­system (WMeme) charak­teri­siert sind, wel­ches Welt­sicht und Hand­lungen prägt.

      • dass die Ent­wick­lung in einer be­stimmten Reihen­folge (chronologisch) ver­läuft, alle Men­schen also die glei­chen Sta­dien  durch­laufen.

      • dass die Ebe­nen zwischen Selbst­be­haup­tung und Selbstauf­opfer­ung für die Gemein­schaft wech­seln. Warme Farben (beige, rot, orange, gelb) sind ich-zentriert, kalte Farben (purpur, blau, grün, türkis) sind auf die Gemeinschaft ausgerichtet.

      • dass ver­tikal so­wohl Auf­wärts- als auch Ab­wärts­ent­wick­lun­gen mög­lich sind und je­des WMeme (Wertesystem) in einer gesunden und ungesunden Aus­prä­gung exis­tiert.

      • dass Ent­wick­lung dann ent­stehen kann, wenn die Um­welt kom­plexere An­for­der­un­gen an den Or­ga­nis­mus (Menschen) stellt, der neue Be­wäl­ti­gungs­me­cha­nis­men er­for­der­lich macht. 

      • dass neue Ebe­nen durch Trans­zen­denz er­reicht wer­den und jede neue Ebene die vor­her­igen mit ein­schließt.

      • dass der Wech­sel vom First-Tier zum Second-Tier ein be­deut­samer Sprung sei

      • dass das erste-Rang Den­ken der Emer­genz der zwei­ten-Rang Meme gene­rell Wider­stand lei­ste.

 

Don Edward Beck und Chris­topher C. Cowan

wa­ren Schü­ler von Graves und präg­ten den Na­men Spi­ral Dy­namics. Sie ent­wickel­ten die Theo­rie für die An­wen­dung in Wirt­schaft und Poli­tik weiter.

We­sent­liche Ver­än­der­un­gen wa­ren die Be­zeich­nung der Ebe­nen mit Far­ben statt Buch­sta­ben und die Ver­knüpf­ung des Be­griffs der Wert-Meme (WMeme) mit der Lehre von Spiral Dynamics.

 

Die Vor­züge des Mo­dells Spi­ral Dy­namics

Spi­ral Dy­namics ist ein Sys­tem von Leader­ship, Wer­ten und Wan­del. Es er­leich­tert den Um­gang mit so­zia­len Kräf­ten und Kom­plexi­tät.

Im Un­ter­schied zu Typo­lo­gien bie­tet Spi­ral Dy­namics viel Raum für In­di­vi­du­ali­tät im Sin­ne C.G. Jungs.

Spi­ral Dy­namics be­müht sich um ei­nen an­ge­mes­senen Um­gang mit ver­schie­de­nen Komplexitäts­ebenen von Weltsicht und Denken.
 

Die Nach­tei­le des Mo­dells Spi­ral Dy­namics

Mit der Aus­sage, dass eine Ebene (WMeme) im Vor­der­grund stehe, wer­den Men­schen doch wie­der in Schub­la­den sor­tiert, was ihrer individuellen Komplexität nicht gerecht wird.

Nicht verheimlichen möchten wir eine Kritik, die der Theorie mangelnde wissenschaftliche Qualität vorwirft. Die Stichhaltigkeit dieses Vorwurfs können wir nicht beurteilen. 

Die Aussagen zum Se­cond-Tier Denken sind aus der Perspektive des First-Tier entwickelt und deshalb unterkomplex. Es müsste dringend neue Forschungsarbeit zum Second-Tier geleistet werden. Das könnte aber nur von Forschern bewerkstelligt werden, die selbst die Linearitätsschwelle überschritten haben. Solange Wissenschaft linear-kausal arbeitet, kann sie komplexere Wirkprinzipien nicht erklären. An dieser Unmöglichkeit leiden bereits komplementäre Heilmethoden wie Akupunktur oder informative Medizin. 


Fazit

Spiral Dynamics erklärt in überzeugender Weise die Unterschiede der ersten sechs Subsistenzebenen. Die Ergebnisse passen harmonisch zu anderen Forschungsarbeiten wie der Bedürfnisentwicklung von Maslow, oder dem Strukturmodell des Bewusstseins von Jean Gebser.

Die wichtigste Erkenntnis von Spiral Dynamics besteht darin, dass Menschen im First-Tier ihre relative Weltsicht absolut setzen. Sie sind sich der Relativität ihrer Perspektiven nicht im geringsten bewusst und können mit anderen Weltsichten nicht umgehen. Das gelingt erst ab der gelben, integralen Ebene.

Mit der Bewusstseinsentwicklung der zweiten Ordnung wird verstanden, dass es keine Realität gibt, die unabhängig vom eigenen Denken existiert. Daraus ergeben sich vollkommen andere Freiheitsgrade im Umgang mit dem Leben.

Quellen: Clare W. Graves: Sein Leben, Sein Werk von Rainer Krumm und Benedikt Parstorfer

Spiral Dynamics Leadership, Werte und Wandel von Don Edward Beck und Christopher C. Cowan


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